Alexander Wutz

 

 

 


Arbeitslos im Job  

Leseprobe:

 

Eine kleine Einführung: Was sind eigentlich die Folgen von einer „Arbeitslosigkeit im Job“?

Im März 2007 erschien ein Buch mit dem Titel „Diagnose Boreout“, in dem die Autoren Philippe Rothlin und Peter R. Werder unter dieser neugeschaffenen Bezeichnung eine Theorie vorstellen zum Thema Unzufriedenheit mit dem eigenen Arbeitsplatz infolge Unterforderung und tödlicher Langeweile. Basis dieser Theorie sind die Studien von Dan Malachowski, The Gallup Organisation und Kelly Services.

Der von ihnen verwendete Begriff, den die Autoren haben schützen lassen, hat seine Wurzeln in dem englischen Wort „Boredom“, das bedeutet übersetzt Langeweile. Die Bezeichnung steht für den „Überlebenskampf am Arbeitsplatz“, in den Betroffene dadurch geraten, dass sie am Arbeitsplatz unterfordert sind und nichts oder zu wenig zu tun haben, diese Tatsache jedoch gleichzeitig vor anderen oft vertuschen.

Die Betroffenen zeigen ähnliche Symptome wie von Burn-out Betroffene:

  • Langeweile durch Unterforderung
  • Minderwertigkeitsgefühle, Scham
  • emotionale Erschöpfung mit dem Gefühl von ständiger Müdigkeit bis hin zu Apathie
  • Gefühle der Leere, Nutzlosigkeit und des Versagens
  • Distanzierung zu den eigenen Gefühlen, Depersonalisierung, Desinteresse
  • Identifikationsprobleme und Gleichgültigkeit der Arbeit und der Arbeitsstelle gegenüber bis hin zur inneren Kündigung
  • Schlafstörungen
  • psychosomatische Störungen wie z.B. Migräne, Gastritis, Tinitus, Darmentzündungen
  • Depression
  • körperliche Erkrankungen
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    Im „Bore-out-Experteninterview“ mit dem Psychomeda-Betreiber Dr. Satow sagt dieser im Vergleich von Burn-out und diesem Zustand der Arbeitslosigkeit im Job: „In beiden Fällen haben wir es mit Menschen zu tun, die eigentlich Leistung bringen wollen. Aber die einen brennen durch jahrelange Überforderung und einen falschen Umgang mit Stress mit der Zeit bis zur totalen emotionalen Erschöpfung aus, während die anderen durch Langeweile, fehlende Anerkennung und sinnlose Aufgaben jede Motivation verlieren und innerlich kündigen.“ (www. psychomeda.de/Burnout/Boreout)

    Seit dieser Buchveröffentlichung wird in den Massenmedien und im Internet über das Thema und diesen Begriff ausführlich diskutiert und gestritten.

    Die Seite der Betroffenen sieht sich endlich wahrgenommen und mit ihrem Leid anerkannt. Dabei stellen sie und ihre Befürworter dieser Theorie die Symptomatik auf die gleiche Stufe wie Burn-out und erkennen somit auch die Folgen von Unterforderung und tödlicher Langeweile am Arbeitsplatz als Volkskrankheit an.

     

    Der Wunsch, im Beruf weniger arbeiten zu müssen, ist zwar bei vielen vorhanden. Doch ist dieser nicht mit einem solchen Zustand gleichzusetzen, denn eine dauerhafte Unterforderung führt eher zu mehr anstatt zu weniger Stress.

    Unterfordert und gestresst, nicht faul …Menschen, die dieses Syndrom gepackt hat, sind nicht faul. Sie wollen arbeiten, doch sie bekommen keine Arbeit mehr. Hat der Betrieb keine Arbeit mehr, dann wird der Arbeitsplatz zum unangenehmen Wartezimmer, bei dem man ständig auf die Uhr schaut, in der Hoffnung, dass wieder eine weitere Minute verstrichen ist.

    Ist die Unterforderung im Job jedoch Teil einer Sanktion oder eine Mobbing- Begleiterscheinung, dann werden in diesen „Sterbezimmern“, wie manche Betroffene sie bezeichnen, die Mitarbeiter dann so lange zermürbt, bis sie von alleine gehen. Am liebsten ohne Abfindung.

    Die Kritker dieses Begriffes dagegen bezeichnen diese Theorie als Unsinn, als „Hoax“ (s. Wikipedia) und sie verweisen auf Kapitel wie „Krankheitserfindung“. So warnt z.B. Karl C. Mayer, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, davor, „jedes menschliche Fehlverhalten als diagnostizierbare Störung anzusehen“. (www. neuro24.de/show_glossar.php?id=1891)

    Schon die Diskussionen um Burn-out sind immer noch nicht abgeflaut. „Burn-out, so was hat das früher nicht gegeben und wir haben noch richtig gearbeitet“, hört man da aus verschiedenen Ecken, obwohl der Begriff seit so vielen Jahren einen Zustand beschreibt, den es sicher auch früher schon gegeben hat, doch der erst in den 70iger Jahren einen Namen bekam.

    Da ist es kein Wunder, dass die Diskussionen um dieses Thema noch mehr die Gemüter anheizen, geht es hier doch um ein noch größeres Tabu als die Tatsache, dass Menschen durch ihre Arbeit ausbrennen, was in unserer humanen Gesellschaft schon nicht sein darf.

    Doch wie sieht es erst aus, wenn Betroffene in einen Sack geworfen werden mit den Faulen und Drückebergern? Wo ihnen vorgeworfen wird, nicht nur Opfer zu sein, sondern auch Täter, die so tun, als ob sie beschäftigt sind? Oder mit Unverständnis reagiert wird?

    Besonders schwierig ist es dabei natürlich für alle, die sich selber betroffen fühlen und die sich gleichzeitig verunsichert fühlen oder sich verunsichern lassen von den Diskussionen zu Thema.

    Wir empfehlen jedem, sich seine eigene Meinung zu bilden. Vielleicht kann dieses Buch ja auch seinen Teil dazu beitragen?

     

    Bist du selber betroffen?

     

    Schreibübung: Bitte, überlege dir, welche Faktoren dafür sprechen, dass du selber oder jemand aus deinem Kollegium oder von deinen Mitarbeitern betroffen ist.

     

     

    Wer arbeitslos im Job ist, der ist unzufrieden mit seiner Situation am Arbeitsplatz, da er zu wenig leisten kann und keine Anerkennung erhält. Paradoxerweise erhält er diesen Zustand der Unzufriedenheit mit Strategien am Leben, da er mit der Zeit die Energie verliert, um die Situation zu ändern oder aber, weil eine Kündigung dieser Arbeitsstelle z.B. zu Verlust von Pensionsansprüchen oder zu einer Arbeitslosigkeit bis hin zu einem Abrutschen in Hartz IV bedeuten kann. Wir müssen nicht ausführen, was dieses für den Betroffenen und sein Umfeld für Folgen haben würde, oder?

     

    Wir alle brauchen Zeiten, in denen wir einmal einen Gang herunter schalten und den Tag damit verbringen, mit Kollegen leckeren Kaffee trinken zu können. Doch dauert der Zustand über einen längeren Zeitraum an, so kann dies absolut stressig werden.

    So schön es sich im ersten Moment auch anhört, einmal nichts zu tun zu haben, so schwer ist es für die Betroffenen, damit klar zu kommen, wenn sie dauerhaft nichts zu tun haben. Nach einer Zeit der Wut, der Resignation und dann dem Erkennen, dass sie nichts an ihrer „Arbeitslosigkeit“ ändern können, setzen sie alles daran, nicht entdeckt zu werden und damit genauso hektisch zu wirken wie alle anderen. Weil: das ist gut für das Image. Wer gestresst wirkt, ist wichtig. Dazu kommt oftmals die Angst, überflüssig zu werden. Und wer überflüssig ist, könnte entlassen werden.

    Betroffene Arbeitnehmer entwickeln letztendlich und Techniken, die ständige Unterforderung und/oder Langweile zu verbergen, .

    Bislang ist dieses Syndrom noch nicht als psychische Krankheit anerkannt. Was bei den Betroffenen letztendlich der Auslöser für die Symptome ist, ist schwer zu sagen, da sicher einiges zusammen kommt, was noch nicht erforscht ist. Die Ursachen liegen in: Unterforderung, Langeweile, Desinteresse und letztendlich in der Sinnlosigkeit des Tuns, gekoppelt mit den Verhaltensmustern, nach außen und vor sich selber genau das Gegenteil aufrecht zu erhalten, also gestresst und ausgelastet zu wirken.

     Doch wer faul ist, hat eine „natürliche Distanz“ zur Arbeit. Heißt, er will einfach nicht arbeiten, auch wenn er die Möglichkeit hätte.

     

    Doch egal, wie man es nun nennen möchte. Eines haben beide Theorien gemeinsam, diese betroffenen Mitarbeiter sitzen demotiviert und desinteressiert im Unternehmen. Dies kann sich kein Unternehmen leisten. Nicht nur, dass deren eigene Produktivität und Innovationsfähigkeit abnimmt, die Gefahr, dass andere durch die negative Stimmung beeinflusst werden, sollte jede Führungskraft aufhorchen lassen.

     

     

    Wie kann man selbst erkennen, ob man in dieser Situation bereits drin steckt?

     

    In der Arbeitswelt wird die Arbeitsanforderung in 3 Stufen unterteilt:

  • Stresszustand (Burn-out), hier befindet man sich chronisch in einer starken Überforderungssituation
  • Flow-Zustand, hier kann man meistens stressfrei arbeiten
  • Unterforderungs-Zustand, hier ist Langeweile angesagt: Du hast einen Arbeitsplatz, aber nichts bzw. nicht genug zu tun.
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    Checkliste: Bitte überprüfe, welche dieser Fakten auf dich zutreffen:

  • In welcher Stufe der Arbeitsanforderung bewegst du dich überwiegend auf deinem Arbeitsplatz?
  • Langweilst du dich auf Deiner Arbeitsstelle?
  • Hast du das Gefühl, die Arbeit schneller erledigen zu können, als du dies tust?
  • Fühlst du dich unterfordert?
  • Hast du das Gefühl, du müsstest die Zeit totschlagen?
  • Überlegst du schon morgens, wie du die Arbeitszeit überstehen kannst?
  • Suchst du nach der Sinnhaftigkeit an deinem Arbeitsplatz?
  • Suchst du nach Ersatztätigkeiten (Urlaub gebucht, am PC gespielt, Surfen etc.)?
  • Tust du so, als ob du eifrig arbeitest?
  • Spürst du vermehrte Lustlosigkeit, überhaupt eine gestellte Aufgabe zu erledigen?
  • Hast du deine Arbeit innerlich schon gekündigt?
  • Fühlst du dich ständig müde?
  • Bist du nach Arbeitsschluss trotz allem erschöpft?
  • Stellst du an dir psychosomatische Symptome fest wie Müdigkeit, Erschöpfung, Migräne, Magen- und Darmbeschwerden?
  • Treffen mehrere Fakten bei dir zu? Dann bist du wahrscheinlich auch betroffen.
  • LISA: Es kann sich keiner vorstellen, wie es ist, nichts zu tun zu haben auf der Arbeit, wenn man nicht selber mal so etwas erlebt hat. Die Leute sagen: „Freue Dich doch, dass Du so einen lauen Job hast.“ Aber dieser Job ist nicht lau, sondern strotzt vor tödlicher Langeweile und Unterforderung, man muss schauen, wie man die Zeit tot schlägt und das ist wirklich kein Vergnügen. Und man kommt nach Hause und ist völlig erledigt, was überhaupt nicht nachzuvollziehen ist für jemanden, der das noch nicht erlebt hat.

    HEIN: Der große Bluff: Wer in der heutigen Arbeitswelt nicht gestresst ist, ist nicht wichtig. Stress hat in Gesprächen mit Kollegen einen wesentlich höheren Unterhaltungswert als Unterforderung oder Langeweile. Und genau deshalb wird Stress heutzutage oftmals übertrieben dargestellt. „Ach, mir geht es so schlecht, ich ersticke total in den Bergen von Arbeit.“ oder „Ich komme überhaupt nicht mehr zur Ruhe, nicht einmal für die Mittagspause habe ich noch Zeit und abends komme ich oft später nach Hause, als wie ich es vorhatte. Alle meine Freizeitbeschäftigungen stelle ich hinten an, denn ich will ja nur für meinen Arbeitgeber da sein, da zählen überhaupt nicht mehr meine Bedürfnisse.“

    Welch ein Schrott von Geschwätz, wenn ich mich für jemanden anderen aufarbeite, besser gesagt, kaputt mache, nur um Liebkind beim Arbeitgeber zu sein. Die meisten scheren sich einen Dreck darum, weshalb du dich kaputt buckelst. Hauptsache, du trägst zur Vergrößerung seines Geldes bei. Nein, so darf es nicht sein, für niemanden, der einen Job hat.

    Wer gibt aber schon gerne zu, bei der Arbeit unterfordert zu sein? Niemand! Und weil sonst niemand offen darüber redet, meist wird man zum Schweigen gezwungen, meint man, man sei der Einzige, der in einem solchen Schlamassel steckt.

    Dem ist aber mitnichten so, denn wenn man zahlreiche Umfragen etwas genauer betrachtet, merkt man bald, dass es nicht nur gestresste Burn-outmitarbeitnehmer gibt, sondern eben auch solche, die zu wenig zu tun haben, sich nicht mit der Arbeit identifizieren und sich langweilen. Jene eben, die sich einem solchen Kreisel befinden.

     

     

    Checkliste: Bitte überprüfe, welche dieser Fakten auf dich oder auf Kollegen von dir zutreffen:

  • Niemand weiß, ob und was gearbeitet wird, auch, wenn man immer beschäftigt wirkt.
  • Von den anderen Kollegen wird kein Blick auf den Bildschirm zugelassen.
  • Der Betroffene steht oft in anderen Büros zum „Ratschen“.
  • Es werden viele Raucherpausen gemacht.
  • Die Aktivitäten bei Besprechungen oder Workshops sind nicht oder nur kaum erkennbar.
  • Es gibt so gut wie kein Interesse an Fortbildungen.
  • Der Wunsch nach Aufstiegsmöglichkeiten ist nicht vorhanden.
  • Die Fehlerquote ist steigend.
  • Die Anzahl der Krankheitstage steigt stets.
  • Es kommen keine Verbesserungsvorschläge aus den Reihen der Gelangweilten.
  • Es entwickelt sich, aus der gemeinsamen Langeweile heraus, von mehreren Angestellten ein Kollektiv, das die Leere damit ausfüllt, über andere heimlich oder offen zu lästern. Mobbing werden damit Türen geöffnet, anstatt diese Zeit mit etwas Sinnvollem und Mitmenschlichem zu füllen.
  • Selten, wirklich selten, nutzt man diese Zeit der Langeweile, um Sinnvolles, nicht nur für sich, sondern für andere zu tun.
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     Weitere Informationen zur Mitautorin Sabine Marya: www.marya.de

     

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